Das Buch der Stunde? DELETE EVERYTHING! von G. Sciffer

In seinem kürzlich erschienenen Buch Delete everything! diagnostiziert der britische Philosoph Gordon Sciffer eine digital induzierte, globale Entwicklungshemmung. Auf knapp 500 Seiten arbeitet er sich in den Maschinenraum unserer Gesellschaft vor und zeigt, wie dysfunktional es dort inzwischen zugeht, denn seiner Meinung nach zerstört die technische Hyperdokumentation unseres Lebens die freie Kommunikation und – schlimmer noch – das freie Denken.

Sciffer zeigt, wie durch die vielfältige automatisierte Weiterverarbeitung der anfallenden Datenmengen ein mächtiger Normierungs- und Kontrollautomatismus hervorgebracht wurde, der, anders als zu erwarten, nur noch eingeschränkt von Institutionen, Staaten oder Konzernen gesteuert werden kann. Für ihn steht fest, dass sich ein technologisches Metasystem verselbstständigt hat, das jetzt nicht mehr nur Infrastruktur und Diensteakkumulation, sondern auch autonome Ordnungs- und Wahrheitsinstanz geworden ist.
Ubiquitous Computing ist für ihn die „Kuscheldecke“, unter der sich die Menschheit gemütlich eingerichtet hat und dabei nicht merkt, dass sie langsam ihr Bewusstsein verliert.
Sein Appell deshalb: Das Zeitalter des Maschinenfütterns muss beendet werden, da es einen attraktiven Posthumanismus nicht geben wird.

Fundamental-technologische Prozesse

Schon der Buchtitel ist eine klare Handlungsanweisung und gleichzeitig Sciffers Lösungsvorschlag. Dieser revolutionäre Impetus ist ungewöhnlich für ihn, lässt er doch sonst lieber seine wissenschaftliche Arbeit für sich sprechen. Hier macht er allerdings eine Ausnahme und unterstreicht damit die Dringlichkeit seines Anliegens.
Doch trotz aller Appelle, das Zentrum bleibt auch hier eine detaillierte Analyse der – in diesem Fall – fundamental-technologischen Prozesse. Sciffer versteht darunter autonome, technologische Abläufe, die tief in das gesellschaftliche Sediment abgesunken sind. So tief, dass sie von uns nicht mehr als Wirkkräfte zu erkennen sind.
Aus diesem Grund arbeitet er sich gezielt in den dichten Nebel hinein, der diese Prozesse umgibt und fördert auf diese Weise zahlreiche Beispiele und Belege für deren Existenz zu Tage.
„Die Prozesse wollen nicht entschlüsselt werden, sie verschleiern sich.“ (S. 56)
Und trotzdem steht ihre Existenz für Sciffer genauso außer Frage wie die Unmöglichkeit ihrer Beherrschung.

1. Prozess: Ansteigende Akzeptanzwelle

Bei einer dauerhaften und tiefgreifenden technologischen Transformation ist von zahlreichen gesellschaftlichen Verwerfungen auszugehen. Die Disruptionsschäden und lebensweltlichen Eingriffe sind beträchtlich – und trotzdem regt sich kaum Widerstand. Sciffer geht dem nach und beobachtet eine massiv gesteigerte Veränderungsbereitschaft und fragt sich, wie diese zustande kommen kann.
Eine Erklärung findet er in Joss Magnussens SocialSculpting-Methode der ansteigenden Akzeptanzwelle. Grundlage dieser Methode sind schnell oszillierende, individualisierte Microinvasionen, mit deren Hilfe Kritik und Gegenwehr gezielt neutralisiert werden können. Der inhaltliche Raumgewinn entsteht dabei durch eine asymmetrische Pendelbewegung, bei der die Bewegung zurück immer etwas geringer ausfällt als die nach vorne. Für das Target-Individuum entsteht dadurch ein Gefühl des gelebten Widerstandes, auch wenn dieser wirkungslos bleibt. Mittelfristig steigert sich sogar dessen Akzeptanz gegenüber der abgelehnten Veränderung.
Die auch als Widerstandssimulation verrufene Methode hat sich als sehr effektiv erwiesen, ist aber technisch höchst anspruchsvoll. Sie benötigt komplexe Tracking-, Berechnungs- und Nudgingmethoden und wurde deshalb nur selten angewendet. Hinzu kamen ungelöste ethische Fragestellungen, die zu einer weiteren Diskreditierung dieser führten. 

Sciffer zeigt nun aber, dass die Methode keineswegs verschwunden ist. Vielmehr scheint sie tief in unsere Lebenswelt eingearbeitet worden zu sein und wirkt dabei unmerklich auf jeden von uns.
So werden wir beispielsweise gezielt im Kurztakt mit kleinteiligen, technologischen Entwicklungsschritten gelockt und überfordert. Dieser fast schon rauschhafte Taumel, diese Dauerbeschäftigung mit der technologischen Sinnlosigkeit, verführt uns mit einem Gefühl des immerwährenden Fortschritts und frustriert uns gleichzeitig mit unserer Unfähigkeit Schritt zu halten. Durch dieses emotionale Dilemma und die atemlose Taktung wird tiefergehender Widerstand effektiv unterbunden.
Begleitend werden umfassende individualisierte PR-Maßnahmen ausgespielt, die diesen Zustand als unvermeidliche Folge des technologischen Fortschritts kennzeichnen.
Eine ähnliche Vorgehensweise entdeckt Sciffer in vielen Lebensbereichen: von der moderierten Privatkommunikation über digitale Arbeitsverteilungsprozesse bis zur Modulierung gruppendynamischer Prozesse.
Doch wer ist dafür verantwortlich? Sciffer wird hier sehr deutlich. Für ihn haben Maschinen die Methode der ansteigenden Akzeptanzwelle als strategisch relevant identifiziert und deshalb flächendeckend und hochoptimiert in ihre Arbeitsabläufe implementiert.
Dabei vermeidet er, diesen Systemen Intelligenz, Wille oder Bewusstsein zuzuschreiben. Zu häufig lenken die meist hitzigen Debatten über solche Attribute vom eigentlichem Thema ab. Doch für ihn spielt es keine Rolle, ob wir von einer Intelligenz oder einfach einer immanenten Systemlogik beherrscht werden, wie beispielsweise einer erheblich überpriorisierten Systemstabilität. Das Ergebnis bleibt für uns gleich.

2. Prozess: Exponentielle Kreativität

Erwiesenermaßen führt das allgegenwärtige Gefühl der Eigenentwertung durch die höhere Leistungsfähigkeit der Maschinen bei vielen Menschen zu erheblichen Identitätsproblemem. Für Sciffer ist klar, dass ein System diese Leerstellen füllen muss, um überschießende, negative Energien zu kanalisieren und damit die eigene Stabilität zu gewährleisten. Diese Aufgabe übernimmt in geradezu perfekter Weise die exponentielle Kreativität.

This is my basic form of expression to dream
and exile myself from everything else,
getting lost in dreams and memories.
(unknown artist)

Getrieben durch neue Entfaltungsräume, explodierende technische Möglichkeiten und ein zunehmend gefülltes Zeitkonto bewegen sich immer mehr Menschen in ultraexplorativen, kreativen Nischen, aus denen heraus sie einen unendlichen Fluß der Neuartigkeiten produzieren. Erste Versuche einer kulturhistorischen Einordnung bewerten diese Entwicklung durchaus positiv und sehen in diesem extremen kreativen Eifer einen neuen Zustand der Selbstbefreiung.

Doch Sciffer erhebt Einspruch. Er fragt, welche systemische Funktion diese Kreativitätsexplosion hat und was sie letzlich bewirkt. Dafür geht er zurück ins frühe 20. Jahrhundert, um die Wurzeln dieser Entwicklung aufzudecken. Die Idee der Kreativität wurde damals aus einem entfesselten Künstlertreiben herausdestilliert und in eine für alle anwendbare, gezähmte Variante überführt. Die befreiende, wilde und gefährliche Version wurde den kapitalistischen Bedürfnissen angepasst und auf (Selbst-) Optimierungen in allen Lebensbereichen ausgerichtet – vom Kochen über Sexualität bis zur Arbeitswelt.
Schon die Kleinsten lernten Kreativität als magische Kraft kennen, die jeder in sich aktivieren kann. Doch aus „Jeder kann kreativ sein“ wurde „Jeder muss kreativ sein„. Damit wurde sie zur lebenslangen Pflichtaufgabe und zum allgegenwärtigen Erlösungsversprechen.

Diese antrainierte Kreativität ist so tief in die gesellschaftliche DNA eingeschrieben, dass wir sie nicht einmal mehr als solche bemerken. Genau deshalb konnte sie sich laut Sciffer unbemerkt wandeln, in eine Version 2.0 sozusagen, die hervorragend mit den Anforderungen eines Metasystems resoniert. 
Sciffer erkennt durchaus an, was Kreativität auf individueller Ebene leisten kann – als letztes Rückzugsgebiet oder sinn- und identitätsstiftende Option. Er stellt aber auch fest: Der immense kreative Output löst sich in Bedeutungslosigkeit auf. Alles existiert gleichwertig nebeneinander, ohne sich zu stören oder überhaupt etwas zu bewegen – höchstens kitzelt es den Sinnesapparat, um dann schnell wieder zu vergehen. Oder aber es handelt sich um eine Form der Kreativität, die sich in der Auswahl von Optionen erschöpft.
Als Grund erkennt Sciffer, dass in den letzten Jahrzehnten unsere Realität in allen Facetten mit den technologischen Systemen verschmolzen ist. Man kann sagen: Die ganze Welt ist zum Spiel geworden, aber die Regeln, nach denen gespielt wird, werden nicht mehr von uns gemacht. Doch Kreativität in einer bereitgestellten Sandbox führt zwangsläufig zu extremer kultureller Monotonie, sie ist nur noch eine Kreativitätssimulation, in der kleinste Innovationen mit Qualität und Bedeutsamkeit verwechselt werden.
Und trotzdem lassen wir uns immer weiter von der polierten Oberfläche und den immer neuen Spielmöglichkeiten verführen und zelebrieren dabei unsere aufwendig gestaltete Einzigartigkeit – doch leider bleibt sie genau das: eine Oberflächenerscheinung. Und damit ist sie nicht mehr als ein Beruhigungsmittel, eine Beschäftigungstherapie wie im Altenstift, wenn Lieder gesungen oder Vasen getöpfert werden. Ohne Zweifel ein Spaß, aber ohne jede gesellschaftliche Kraft.

Sciffer identifiziert auch hier autonome technische Prozesse, die mit hohem Aufwand versuchen, grenzenlose unkontrollierbare Kreativität zu verhindern, um damit systemische Unsicherheiten zu reduzieren. Ihr Vorgehen ist effektiv: Individuen werden vereinsamt, indem sie sich selbst mit den Möglichkeiten der exponentiellen Kreativität zu Singularitäten machen, während gleichzeitig der kreative Raum streng kontrolliert wird.
Wir befinden uns also eigentlich in einem Prozess der unmerklichen Selbstangleichung, der unsere Gesellschaft veröden lassen wird wie nichts zuvor.

3. Prozess: Ambiguitätsreduktion

Einerseits sind Menschen bereit, einem für sie nachteiligen, technologischen Entwicklungspfad zu folgen, wofür quasi-hypnotische Beeinflussungstechniken angewendet werden. Andererseits werden alle kreativen Energien neutralisiert, die destabilisierend wirken können. Dafür werden sie in einen klar begrenzten Möglichkeitsraum umgeleitet, indem dann kontrollierte Selbsterschaffung stattfinden darf. 
Beides sind Vorbedingungen, um den finalen Schritt einer höchstmöglichen, gesellschaftlichen Harmonisierung zu vollziehen und damit einen dauerstabilen Systemzustand zu erreichen. 

Mit zunehmender Machtübertragung an technische Systeme stülpen diese der Realität eine pervertierte Taxonomie über oder anders: ersetzen diese schrittweise. Konsequenz: Mehrdeutigkeit und Unsicherheit verlieren ihren Platz, denn sie sind technisch schwer fass- und nutzbare Grauzonen und müssen deswegen im Sinne einer systemischen Balance eliminiert werden.
Stören uns diese vorgeschalteten Apparatschaften, die für uns die Welt ordnen und erklären? 
Nein, ganz im Gegenteil, sagt Sciffer, denn sie machen sich unsere Ambiguitätsaversion zunutze und belohnen uns mit gesicherter Wahrheit und beruhigender Eindeutigkeit. Das Verprechen dahinter ist nicht weniger als ein posthumanistisches Paradies, in dem unsere Unzulänglichkeiten geglättet und die Menschheit in einer harmonischen Entität versammelt ist.
Doch das ist Unsinn, bemerkt Sciffer, denn es handelt sich um eine maschinenoptimierte Realitätskonstruktion. Wir lassen uns mit einem Komfortversprechen ködern und geben dafür die Deutungshoheit über uns und die Welt endgültig auf.
Schlimmer: Wir lassen uns ‚optimieren‘, aber nicht für unsere eigenen Ziele. Im Bewußtsein unserer Fehlbarkeit übergeben wir bereitwillig unsere Erinnerungen, Gedanken und Gefühle an Systeme, die uns dafür mit einer konsistenten Erzählung unserer Existenz ‚belohnen‘. So werden wir, was die Maschinen in uns sehen wollen.

Sciffers abschließende Worte:
„Die Idee von der Lesbarkeit und Formbarkeit der Welt auf Grundlage maschinell erzeugter und prozessierter Daten will etwas, dass es in einer offenen, freien Gesellschaft nicht geben kann: Sicherheit, Eindeutigkeit und absolute Wahrheit. Also lasst uns diesen technologischen Fundamentalismus beenden – er ist unser Gefängnis und wird letztlich unser Ende sein.
Unsere Aufgabe ist jetzt, den Maschinen die Daten wegzunehmen und damit Mehrdeutigkeit und Unkalkulierbarkeit wieder in die Welt zurückzuholen. Das birgt Gefahren, doch nur so wird unser Leben lebenswert bleiben“. (S. 471)

Reaktionsfreudig

Ob man Sciffers Buch nun als technophobe Übertreibung oder berechtigte Kritik liest, in jedem Fall hat es deutliche Reaktionen provoziert und damit einen Diskurs wiederbelebt, der schon länger beendet schien.
Bemerkenswerterweise wurden gerade diejenigen aus der Deckung gelockt, die diese Themen aus guten Gründen lieber nicht diskutiert sehen möchten und sich eigentlich mit Erwiderungen zurückhalten, um nicht in den öffentlichen Fokus zu geraten. Doch Sciffer muss bei ihnen einen Punkt gemacht haben, das lassen deren persönliche Anfeindungen, Relativierungen und Gegenreden zumindest vermuten.
Wahrscheinlich ist es sein Verzicht einer offenen Schuldzuweisung, der für Unruhe sorgt. Sciffer übergeht schlichtweg die Verantwortlichen, mehr noch, er streicht sie ausdrücklich aus seiner Betrachtung heraus.
Damit degradiert er sie zu Randfiguren, die genauso hilflos den komplexen Entwicklungen ausgeliefert sind wie jeder andere auch. Gleichzeitig versteckt sich darin der implizite Vorwurf, dass die Verantwortlichen schon längst die Kontrolle über ihre Systeme verloren haben. Diese Argumentation muss eine wirksame Kränkung gewesen sein, sonst hätte sich jemand wie Symon Gosch ganz sicher nicht in eine Talkshow gesetzt.
Gleichzeitig nimmt er allen anderen damit die Entlastungsmöglichkeit. Nicht mehr die sind verantwortlich, sondern jeder von uns. Wir alle werden zu Empfängern seines Rufs nach einer „reanimierten Menschlichkeit“ und niemand kann sich dabei auf der Schuld der anderen ausruhen.

Sciffers Analyse ist beängstigend und wird ihre Wirkung nicht verfehlen. Vielen gefällt besonders sein radikaler Lösungsvorschlag. Doch leider ist dieser auch radikal unrealistisch, denn niemand wird jemals alle Daten löschen – das sollte auch Sciffer wissen. Man hofft fast, dass er hier mit hohem Einsatz spielt. Doch wie schon in einigen Diskussionsrunden zu erleben war, wird er sich nicht von seiner radikalen Position abbringen lassen. Allerdings schadet er mit dieser vehement vorgetragenen unrealistischen Maximalforderung seinem Anliegen. Sie verdeckt die eigentlich brillante Analyse und verhindert wichtige Diskussionen über Sachthemen, die sich aus Sciffers Arbeit ableiten lassen.
Doch so wird es nicht schwer sein, ihm Starrsinn und Befangenheit vorzuwerfen und das ist eine empfindliche argumentative Schwächung.
Insofern wünscht man sich, Sciffer hätte sich wie in seinen bisherigen Arbeiten auf die Analyse beschränkt und die appellativen Schlussfolgerungen anderen überlassen. Jetzt befindet er sich in einer Sackgasse, der er nur schwer wieder entkommen kann.

Irritierend ist auch sein Verständnis von Kreativität, die ihr revolutionäres Potential durchaus nicht verloren hat. Da wundert es nicht, dass sich schon jetzt Künstlerinnen und Künstler kritisch zu seiner eindimensionalen Sichtweise geäußert haben.
Doch diese Sicht passt gut zu Sciffers fast überheblicher Pose, mit der er die vielen Individuen und Gruppierungen übersieht, die diese Probleme ebenso wie er erkannt und ihre Konsequenzen daraus gezogen haben. Doch für ihn scheint Gesellschaft ein undifferenzierter Monolith zu sein und er der einzig erkennende Mahner. Leider isoliert er sich damit ohne Grund, wo er auch Fürsprecher einer lebendigen Bewegung hätte sein können.

Doch trotz dieser Kritik bleibt das Buch eine unbedingte Leseempfehlung. Sciffer legt hier erstmalig grundlegende Wirkmächte frei und zeigt eindrücklich, dass es sich dabei um autonome, technische Prozesse handeln muss. Das ist so faszinierend wie beängstigend, schafft vor allem aber einen neuen Ausgangspunkt für weitere Überlegungen und Massnahmen. Gleichzeitig macht Sciffer deutlich, wie schwer es fällt aus dem technisch bereitgestellten Realitätsrahmen herauszutreten, um gegen die Prozesse zu arbeiten – er zeigt aber auch, dass es möglich ist und das ist vielleicht die größte Leistung seines Buches.


(Person im Beitragsbild: https://generated.photos/)

Markus van Well

Es macht mir Spaß lange Texte zu schreiben, die einen niedrigen Flesch-Reading-Ease-Score erhalten. Warum das so ist, muss ich noch rausfinden.